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Presseschau 2014


Ein Hauch von Notre Dame in Bergen-Enkheim

Starorganist Olivier Latry in St. Nikolaus
„Dass den Orgeldienst in der Vorabendmesse einer deutschen Vorortgemeinde der Organist von Notre Dame in Paris versieht, kommt vermutlich höchst selten vor“, konstatierte Harald Schmidt mit erkennbarem Stolz in seiner Einführung zum 98. Konzert des Förderkreises Orgel und Orgelmusik in Bergen-Enkheim am vergangenen Sonntag. Olivier Latry, derzeit berühmtester Organist der Welt, hatte es sich nicht nehmen lassen, schon den Besuchern des Gottesdienstes am Samstagabend eine „Sternstunde der Orgelmusik“ zu bieten, schwärmte Schmidt.
Latry kennt die Orgel von St. Nikolaus von früheren Besuchen und schätzt sie sehr. „Da wehte ein Hauch von Notre Dame durch unsere Kirche,“ stellte der Organist von St. Nikolaus, Bernd Walz, fest.

Dieser Hauch von Notre Dame war auch beim Konzert am Sonntagabend immer wieder zu spüren, das Latry gemeinsam mit seiner jungen Frau Shin-Young Lee bestritt, auch sie eine international agierende Organistin. Die St. Nikolaus-Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt, ein großes Aufgebot hatte die Deutsch-Französische Gesellschaft beigesteuert, die ebenso wie das Institut Francais und die Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim Mitveranstalter des Konzerts war.

Den Auftakt bildete ein lebhafter Dialog zwischen Latry an der machtvollen Förster & Nikolaus-Orgel und Shin-Young Lee an der kleinen Chororgel nach einer Komposition von Eugène Gigout. Latry kann auf der Hauptorgel aber auch mit einem zarten Scherzetto von Louis Vierne beim Zuhörer Gänsehaut hervorrufen. Eine bravourös dargebotene Toccata von Gigout folgte. Shin-Young Lee überzeugte mit der Interpretation von Johann Sebastian Bachs Choral „Nun komm der Heiden Heiland“, und als das Organistenpaar eine vierhändige Max-Reger-Transkription des Zweiten Brandenburgischen Konzerts beendet hatte, konnte Förderkreis-Gründer Bernd Walz einfach nicht anders, als entgegen dem Wunsch der beiden mitten im Konzert seiner Begeisterung mit kräftigem Applaus Ausdruck zu geben.

Eine Phantasie von Bert Matter über ein junges Mädchen, virtuos dargeboten von Shin-Young Lee, erzählte die Geschichte des Auf und Ab einer ganzen Jugend; Latry spielte anschließend ein anrührendes Wiegenlied zum Gedenken an Louis Vierne. Eine Sonate von Gustav-Adolf Merkel, wieder gespielt zu vier Händen, beendete den offiziellen Teil des Konzerts.
Die Zuschauer spendeten minutenlang stehenden Applaus, die Künstler dankten mit einer atemberaubenden vierhändigen Interpretation des Walkürenritts. Nachdem der Beifall auch danach gar nicht mehr enden wollte, folgte als weitere Dreingabe ein Stück von Mozart. Und weil das Spiel der Organisten per Video in den Kirchenraum übertragen wurde, blieb den Zuschauern das schnelle Küsschen nicht verborgen, das Lee und Latry dabei austauschten. Einen besonderen Grund dafür hatten sie. Shin-Young Lee feierte an diesem Tag Geburtstag, Eltern und Schwester waren deshalb mit nach Bergen gereist. Es gab Blumen für das Geburtstagskind von der Deutsch-Französische Gesellschaft und vom Förderkreis und ein spontan gesungenes Happy Birthday aus den Reihen der Konzertbesucher. Dass Bernd Walz beim anschließenden Empfang in der Nikolauskapelle seinen Geburtstagsgruß als Leierkastenmann zum Besten gab und Joachim Netz von der Kulturgesellschaft in geschliffenem Französisch gratulierte, sei nur am Rande erwähnt.

Hinweisen sollte man jedoch auf das nächste ganz besondere Ereignis im Rahmen der Förderkreis-Konzerte: Wie schon bei einem umjubelten Auftritt Anfang 2013 werden die Mainzer Dombläser und Domorganist Daniel Beckmann am 4. Januar in der St.Nikolaus-Kirche wieder dazu einladen, „Mit Pauken und Trompeten und Orgel ins Neue Jahr“ zu feiern. Karten sind schon jetzt bei den bekannten Vorverkaufsstellen zu haben - ein ideales Weihnachtsgeschenk für Musikliebhaber und Leute, die es werden könnten.

von Hannelore Schmid



Mit Spielfreude, Witz und Ironie unterwegs

von Heinrich Jaskola
Ein virtuos auftretender Künstler, interessante Klangbilder und ein gespannt lauschendes Publikum: Das 97. Große Orgelkonzert in der Bergen-Enkheimer St. Nikolaus-Kirche am letzten Sonntag, 14. September, war erneut ein bemerkenswertes Ereignis.
Ungewöhnlich war schon das Bild, das sich beim Eintritt in den Kirchen- und Konzertraum bot. Eine Video-Wand im Altarraum, auf der die zahlreich erschienenen Zuhörer dem Solisten an der Orgel beim Spiel zuschauen und seine fast unglaublichen Hand- und Fußbewegungen mitverfolgen konnten. Kalevi Kiviniemi aus Finnland gilt nicht umsonst als ein Ausnahmekünstler, dessen perfekte Beherrschung des großen viermanualigen Instruments an diesem Abend jeder von seinem Platz aus sehen konnte. Üblicherweise lässt man sich bei einem Orgelkonzert von den Tönen und Klangwellen beeindrucken, die aus dem Hintergrund des Raumes heranfluten. Dass diesmal der Arbeitsplatz des Solisten auch optisch in Erscheinung trat, war vermutlich denjenigen, die sich dadurch beim intensiven Hören gestört fühlen, nicht recht, erschien aber angesichts des besonders virtuos angelegten Programms an diesem Abend angemessen. Es dürfte am Konzertende keinen Zuhörer und Zuschauer gegeben haben, den neben der musikalischen nicht auch die souveräne technische Leistung Kiviniemis überzeugt haben müsste.

Auf seiner Reise durch wichtige Stationen der Musikgeschichte des 19. und 20.Jahrhunderts konnte der Künstler viele eindrucksvolle Klangbilder vermitteln. Sie zeigen einerseits seine Kunst des Arrangements von ursprünglich nicht für die Orgel bestimmter Musik, beweisen andererseits aber auch, welche musikalischen Räume sich erschließen lassen, wenn man der Königin der Instrumente fachgerechte Transkriptionen zukommen lässt. Kiviniemi ist gerade dafür ein bekannter Meister. Die zwei Übertragungen von Ballettmusik Stravinskys und Prokovievs aus Petruschka bzw. Romeo und Julia (Montagues and Capulets) setzten gleich anfangs rhythmisch und klanglich Maßstäbe. Die Orgel wird hier zum Orchester, das ebenso feinfühlig wie kräftig das in den Tanz umgesetzte Geschehen begleitet. Die Kunst der Registrierung, die der finnische Künstler besonders gut beherrscht, ist gerade bei einem Konzert, das zur Hälfte aus Arrangements besteht, ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Die Zuhörer konnten dies besonders an den beiden Musikstücken von Jean Sibelius, Barcarola bzw. Finlandia, aber auch am Beispiel von Franz Liszts Komposition Der hl. Franziscus von Paola über die Wogen schreitend verfolgen. Raffinierte Klangmischungen, verbunden mit einem unterlegten ungewöhnlichen Takt lassen den Charakter der Barkarole auch auf der Orgel deutlich werden, und sein Heimatland charakterisierte Kiviniemi überzeugend mit einem musikalischen Landschafts- und Charakterbild. Das Besondere bei Liszts Komposition, die ursprünglich für Klavier gedacht war, ist die Erzählung der sich schon im Titel ausdrückenden Legende des Heiligen. Sie gewann durch klangliche und dynamische Feinarbeit des Interpreten an der Orgel eine großartige Tiefendimension, d.h. ein hörbares Erstaunen über die Macht, die der Heilige über die Elemente auszuüben vermag.

Auch in der ausdrücklich für die Orgel geschriebenen Musik gibt es Programmatisches. Um das zeigen zu können, führte die Klangreise des Abends nach Amerika zu Thunderstorm von Thomas Ryder. Der Komponist hat in seiner Partitur genaue Anweisungen hinterlassen. Einem Hirtenidyll im 6/8-Takt als Pastorale mit sanften Stimmen folgt ein Bagpipe genannter Satz, mit dem auf der Orgel Dudelsackmusik nachgeahmt wird. Das dann einsetzende Unwetter wünscht sich der Komponist mit vollem Werk klangstark hereinbrechend. Ein choralartiger Hymnus beschließt schließlich diese Komposition. Mit Spielfreude, Witz und Ironie widmete sich Kiviniemi an der Orgel diesem Grenzfall von Programmmusik und brachte dabei so manchen Zuhörer zum Schmunzeln. Hohe Virtuosität in seriöser Form zeigte der finnische Gast dann noch einmal im letzten Teil des Konzertprogramms. Gabriel Pierné, Pierre Cochereau und Marcel Dupré standen hier beispielhaft für die in die Moderne führende französische Orgelmusik, die Kiviniemi ganz besonders schätzt und makellos zum Klingen bringt. Nach Finlandia als fulminantem Schlusspunkt des Abends musste der Künstler nach langem, stehend dargebrachtem Beifall seine Musikreise mit Widors populärer Toccata F-Dur aus der 5. Sinfonie musikalisch in Frankreich beenden: Ein weiterer Höhepunkt im 30. Jahr des Bestehens der Förster & Nicolaus-Orgel, der beim Empfang nach dem Konzert noch einmal besprochen werden konnte.

Heinrich Jaskola (jh.)



Großartige Vorabendfeier mit Kalevi Kiviniemi

Preisgekrönter Organist spielt 97. Orgelkonzert in St. Nikolaus
Die Vorabend-Feier zum 97. Orgelkonzert in St. Nikolaus am Nordring war im Hause von Andrea und Bernd Walz am vergangenen Samstag eine willkommene Gelegenheit, mit dem finnischen Organisten Kalevi Kiviniemi in geselliger Runde locker zu plaudern sowie vortreffliche Speisen zu genießen. Bernd Walz, Vorstandsmitglied des Förderkreises Orgel und Orgelmusik an St. Nikolaus, entwickelte die Idee zur traditionellen Vorabendfeier, zu der jeweils eine Auswahl der Förderkreis-Mitglieder geladen ist, damit die Musiker den Abend vor dem Konzert nicht allein in ihren Hotelzimmern verbringen, sondern schon einmal Tuchfühlung mit ihrem Publikum aufnehmen können.
Kalevi Kiviniemi war mit seiner Frau gekommen und gut gelaunt zu fast jeder Auskunft bereit. Der international bekannte Organist, der vor fünf Jahren mit dem „Finnischen Staatspreis für Musik“ ausgezeichnet wurde, ließ sich gern vor der über 200 Jahre alten Bürgy-Orgel fotografieren, der Bernd Walz in seinem Keller eine würdige Herberge geschaffen hat. Auf diesem Kleinod hat Kiviniemi vor Jahren die CD „Eine Dorforgel in Frankfurt“ eingespielt, welche man neben vielen anderen Orgel-CDs über Bernd Walz beziehen kann.
Kleine Kostproben seines Könnens präsentierte der finnische „Meister der Orgel“ seinem ausgewählten Publikum nach dem Essen: seine Virtuosität und bemerkenswerte Fingerfertigkeit ließen die Vorfreude auf das 97. Orgelkonzert noch steigen. Am Ende spielte Kiviniemi in atemberaubender Geschwindigkeit noch den „Säbeltanz“ aus dem Ballett „Gayaneh“ von Aram Chatschaturjan, wofür er warmen Applaus erntete.

Der finnische Organist Kalevi Kiviniemi zeigte bei der Vorabendfeier im Hause Walz Kostproben seines Könnens an der wertvollen Bürgy-Orgel von 1807.

Text und Foto von Karoline Ohlmeier



Glückwünsche zum Orgelgeburtstag

- Konzert mit Ullrich Böhme am 30.März 2014 -
von Heinrich Jaskola
Die Gratulation zum dreißigsten Geburtstag der großen Förster & Nicolaus-Orgel in Bergen am letzten Sonntag hätte nicht schöner sein können: Ein in jeder Hinsicht gelungenes Konzert mit Prof. Ullrich Böhme, Organist der Thomaskirche in Leipzig, zahlreiche Besucher, Gäste und Ehrengäste, und ein Grußwort des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann. Zur Geburtstagsfeier eingeladen hatten als Veranstalter der Förderkreis Orgel und Orgelmusik an St. Nikolaus und die Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim.
Die Wahl von Prof. Böhme als Solist des Abends erwies sich als ein besonderer Glücksfall. Vor 24 Jahren, im von großen politischen Umbrüchen geprägten Jahr 1990, hatte er beim Konzert in St. Nikolaus mit seiner Frau Martina vierhändige Orgelmusik gespielt. So konnte er für das ihm bereits bekannte Instrument ein Programm zusammenstellen, das mit Johann Sebastian Bach im Mittelpunkt wie maßgeschneidert passte. Böhme ist seit dem Bachjahr 1985 als Organist an der Thomaskirche in Leipzig tätig. Kraft seines Amtes in dieser Kirche, an der Bach dreiundzwanzig Jahre lang gewirkt hat, ließ sich eine optimale Interpretation Bachscher Musik erwarten. Liebhaber und Kenner Bachs und der Orgel dürften voll auf ihre Kosten gekommen sein, denn authentischer als in diesem Konzert ist Bach in St. Nikolaus kaum je gespielt worden. Zusätzlich überraschte Böhme seine zahlreich erschienenen Hörer auch noch mit vielen Facetten rund um das Werk des großen Thomaskantors, d.h. Perspektiven, die gerade auf der St. Nikolaus-Orgel adäquat und differenziert dargestellt werden können.
Da gibt es z.B. mit Johann Christoph Bach den familiären Gesichtspunkt. Bach war auch musikalisch gesehen ein Familienmensch, der Kompositionen seiner Vorfahren sammelte, studierte und archivierte. Die Aria mit Variationen a-Moll von Bachs Onkel, Organist an der Georgenkirche in Eisenach, zeigte nicht nur die hochbarocke Kompositionskunst, sondern auch eine variantenreiche Umsetzung durch den Solisten des Abends. Nach schlicht-liedhaftem Beginn gestaltete Böhme die einzelnen Variationen lebendig und abwechslungsreich mit typischen Registermischungen. Schon hier war erkennbar, welches Potential in der klangschönen Förster & Nicolaus-Orgel steckt. Im Kontrast dazu hat Carl Philipp Emanuel Bach seine Komposition angelegt. Der wohl berühmteste Bach-Sohn, lange Jahre am Berliner Hof Friedrichs des Großen tätig, hat alles Barocke überwunden. Sein Vater galt bereits als „verzopft“, als der Sohn die Sonata D-Dur komponierte. Diesen neuen galanten Stil, geprägt von schnellen Läufen in den beiden Randsätzen und einem empfindsamen Adagio-Satz in der Mitte, konnte Böhme mit souveräner Leichtigkeit vermitteln. Wie die Romantiker dann die Orgelmusik neu entdeckten und ihre Bach-Rezeption sich in eigenen Kompositionen niederschlugen, zeigte der Orgelprofessor exemplarisch am Beispiel der Sonata VI d-Moll op.65 von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Dessen romantisch geprägte Auffassung von Orgelmusik setzte Böhme einfühlsam und mit großer Registrierkunst um. Die Orgelsonate über den Choral „Vater unser im Himmelreich“ deutet den Text in drei Sätzen musikalisch intensiv aus. Dem folgte der Solist und machte zugleich klar, wie gut die St. Nikolaus-Orgel für das romantische Klangbild geeignet ist.
Deutlich herausgearbeitet wurde von Prof. Böhme schließlich der Höhepunkt des Konzertabends mit ausgewählten Orgelwerken von Johann Sebastian Bach. Das Präludium und Fuge D-Dur BWV 669 sowie die Fantasie und Fuge g-Moll BWV 642 gehören wahrscheinlich zu den Jahren Bachs als Kapellmeister beim Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen. Die wenigen Orgelkompositionen aus diesem Lebensabschnitt (zwischen 1717 und 1723) sind von der Idee geprägt, maßgebliche Orgelstile der Zeit zusammenzufassen. Der Künstler an der Orgel konnte hier virtuos und temperamentvoll, überlegen gestaltend und anscheinend ohne technische Probleme seine Zuhörer überzeugen: Schnelle Läufe und geballte Akkorde verweisen auf die norddeutsche Orgeltradition, ein konzertantes Wechselspiel auf italienische (Concerto grosso), aber auch französische („en dialogue“) Einflüsse. Wie Bach dann auch die Moderne in ungewöhnlichen Akkordfolgen vorwegzunehmen scheint und der Solist an der Orgel all dies virtuos umsetzte, kann nur grandios genannt werden. Zwischen den beiden so konzertant auftretenden Orgelwerken hatte Böhme geschickt drei kontrapunktisch ausgefeilte Stücke aus Drittel Theil der Clavier Übung BWV 669, 670, 671 (auch Orgelmesse genannt) eingeschoben.
Nach langem Beifall spielte Prof. Böhme noch einen schlichten Choral aus dem „Orgelbüchlein“ als Zugabe (Jesu meine Freude). Viele Gratulationen dann im neuen Pfarrzentrum vor einem gemeinsamen Abendessen mit geladenen Gästen: Dem Geburtstagskind Orgel und ihrem Initiator Bernd Walz, dem großartigen Solisten des Abends und der Pfarrgemeinde zu ihrem prächtigen Instrument.
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